Das Geschäft mit dem Gap Year

Eigentlich logisch, dass der Markt auf die steigende Nachfrage von Freiwilligen reagiert. Denn immer mehr junge Menschen machen sich auf ins Ausland, um sich dort für einen längeren Zeitraum ehrenamtlich in einem Freiwilligenprojekt zu engagieren. Die Tendenz geht hin zu Reiseanbietern aus dem hochpreisigen Segment, bei denen der kommerzielle Aspekt klar Vorrang vor dem ehrenamtlichen Engagement hat. Mehr dazu hier

Welches Puzzelteil fehlt noch? Foto: Michael-Mertes-(Aristillus)_pixelio

Das Entsenden von Freiwilligen in Entwicklungs- und Schwellenländer hat bei kirchlichen und staatlichen Entsendeorganisationen eine lange Tradition. Neu ist die Entwicklung kommerzieller Angebote durch spezialisierte Reiseveranstalter. Inzwischen gibt es eine fast unüberschaubare Palette an Angeboten, die es jungen Menschen ermöglicht, auch nur für wenige Wochen ohne größere Vorkenntnisse ins Ausland zu gehen. Man arbeitet etwa in einem Kinderheim in Argentinien, oder engagiert sich in einem Projekt in Südafrika in einem „Wildlife-Projekt“ mit Löwen, Delfinen oder Walen.

29 Tage Thailand zum Beispiel mit Sightseeing in Bangkok, einem Freiwilligeneinsatz in einem Elefantendorf  und bei einem Bauprojekt sowie einem 10-tägigen Traumurlaub auf der Insel Koh Phangan gibt es beim Veranstalter STA Travel für 1199 Euro, wobei die Flugkosten noch dazukommen. Damit steht fest: Der Urlaub plus soziales Engagement im Gesamtpaket ist nur etwas für Privilegierte, die über das nötige finanzielle Budget verfügen.
Denn anders als bei den staatlich geförderten Freiwilligendiensten bezahlt der Kunde beim Voluntourismus für beide Reiseteile selber. Und doch entscheiden sich jedes Jahr mehr als eine Million der zwischen 20 und 25 Jahre alten jungen Menschen für diese Form des Sozialengagements.

Ein bisschen die Welt retten

Die Kombination aus Tourismus und Freiwilligenarbeit ist attraktiv. Ein bisschen die Welt retten und dann an wunderschönen exotischen Urlaubszielen relaxen - das ist ein Mix, der ankommt. Im Gegensatz zu klassischen Volunteers, die mit einer Entsendeorganisation wie „Weltwärts" oder „Kulturweit“ ohne touristisches Begleitprogramm ins Ausland gehen, bucht man die Freiwilligenarbeit als „Voluntourist“ wie eine Pauschalreise bei der entsprechenden Organisation.

Die Freiwilligen, so heißt es auf der Website des Anbieters „Projects Abroad“ , bringen sich „vor Ort sinnvoll in einem Projekt ein“, sammeln (…) wertvolle Berufserfahrung, verbessern ihre Sprachkenntnisse und lernen dabei Land und Leute kennen“.  Außerdem, so wirbt die Plattform,  werde der Einsatz zu „einer wertvollen Resource“ für den weiteren Lebensweg. Indem Entwicklungsprojekte mit Ausflügen und Abendveranstaltungen kombiniert werden, wird jungen Menschen überaus erfolgreich suggeriert, dass sich auf diese Weise ihr Gap Year „sinnvoll“ nutzen lasse. Denn hört es sich nicht verlockend an: seinen Dienst anzubieten und gleichzeitig den Lebenslauf für die künftige Jobsuche oder die Unibewerbung abzurunden?

Freizeittrend von sinnsuchenden Wohlstandskindern?

Soziales Engagement mit dem raumurlaub verbinden. Foto: magann_pixelio.de

Liest man Erfahrungsberichte der jungen Menschen über ihre Voluntouri-Erfahrungen, hat man den Eindruck, dass von diesem Model nicht nur der Veranstalter profitiert, sondern auch der Kunde. Chantal Frank etwa war zwei Monate mit „Projects Abroud“ in Äthiopien. „Ich wollte nach dem Abitur etwas von der Welt sehen, und zwar am besten von einem Land, das mit meinem zukünftigen Studiengang zu tun haben würde. Vorzugsweise eines, dessen Amtssprache die meisten Europäer noch nicht einmal vom Namen her kennen. Je exotischer, desto besser!“Ihr Einsatzort war eine Grundschule, an der sie nach zwei Tagen Vorbereitung Englisch unterrichtete für die Klassenstufen 1 bis 3.  Der Abschied fiel schwer, die Zeit war letztlich viel zu kurz.

Man kann sich nicht in ein paar Wochen nachhaltig für eine bessere Welt einsetzen, ist daher die dezidierte Meinung bei der Organisation „Schule fürs Leben“, eine der Entsendeorganisationen von „weltwärts“. Die Einsätze bei „Schule fürs Leben“ in Kolumbien sind daher längerfristig, beinhalten eine Vor- und Nachbereitung sowie eine fachlich-pädagogische Betreuung vor Ort. Und wie bei allen anderen Programmen von „weltwärts“ oder „kulturweit“ werden die Teilnehmer in einem Bewerbungsverfahren ausgewählt.

Davon ist man beim Voluntourismus meilenweit entfernt. „Helfen, sich gut fühlen, abreisen“ - so titelte Spiegel-Online 2016 über die Freiwilligenarbeit im Urlaub. Der „kurze Touchdown in einem Elendsquartier“, schrieb Alina Bube bereits 2012 im „Stern“, habe nichts mit einer langfristig angelegten Entwicklungshilfe zu tun. Vielmehr gehe es darum, dass unsere Wohlstandskinder ihren „Urlaub sinnstiftend veredeln“ wollten - mit ein paar Tagen Hilfe für die Armen. Damit grenzten diese „Gutmenschenreisen“ aber an Zynismus, befindet Bube. Und auch bei faz.net war unlängst zu lesen, dass Freiwillige im Ausland, wenn sie als Voluntourist unterwegs sind, mehr schaden als nutzen.Denn Freiwillige zahlten Tausende von Euros, reisten einmal um den Globus, um mit Kindern zu spielen; allein mit den Flugkosten hätte man locker ein paar Klassenzimmer finanzieren können.

Inzwischen treibt diese Art von Tourismus ihre ganz eigenen Blüten. In den Fokus der Kritik ist insbesondere der Waisenhaus-Voluntourismus geraten. In Nepal und Kambodscha etwa hat sich eine regelrechte Industrie entwickelt: Kinder werden vorsätzlich mittels falscher Papiere zu Waisen gemacht und von ihren Familien getrennt, um Spender und Freiwillige anzulocken. Erst 2014 warnte UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen,  vor den Gefahren des „Waisen-Tourismus“ und mahnt Freiwillige, lieber nicht in Waisenhäusern anzuheuern. Manche Kritiker gehen gar soweit, in dem massenhaften Auftauchen der jungen Freiwilligen eine neue Generation von „weißen Rettern“ zu sehen.

Die Vorstellung der „White Supremacy“ hat sich durch die Kolonialzeit-Propaganda weltweit in den gesellschaftlichen Überzeugungen verankert und ist häufig noch virulent. Das Konzept der Voluntourismus-Projekte bediene genau diese Vorstellung, dass nämlich die Westeuropäer immer alles besser wissen, so die Kritiker. Wenn zudem durch Freiwilligenprogramme Staaten davon abgehalten werden, selber initiativ zu werden und beispielsweise in die Ausbildung von einheimischen Lehrkräften zu investieren, dann werden die (an sich) guten und hehren Absichten der Freiwilligenarbeit in ihr Gegenteil verkehrt.

Woran erkenne ich einen seriösen Anbieter?


Einheitliche Bewertungskriterien oder gar ein allgemeines Zertifizierungssystem gibt es bislang nicht. Der Markt ist unübersichtlich und bordet schier über mit den unterschiedlichsten Angeboten. Es braucht Zeit und Geduld, bis ein seriöser Voluntourismus-Anbieter und ein entsprechendes Angebot, das individuell zu einem jungen Menschen passt, gefunden ist. Eine junge Studentin hat in ihrer Bachelorarbeit einen Kriterienkatalog entwickelt, der helfen soll, von gewerblichen Veranstaltern angebotene Volunteer-Projekte auf ihre soziale Nachhaltigkeit zu prüfen. Darunter versteht sie eine dauerhafte, sozial gerechte Entwicklung für die Menschen vor Ort. Dazu zählen: Kulturelle Eigenständigkeit, die Beteiligung der Bevölkerung an Entscheidungen, ein Gesundheits- und Sicherheitsniveau und eine gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung.
Um diese Nachhaltigkeit zu bewirken, ist für Larissa Oppermann der Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“  zentral. Auch fordert sie, dass der Fokus der angebotenen Programme auf dem freiwilligen Engagement und dem Interesse an einem interkulturelle Austausch liegen sollte. Weg von den Massenangeboten und stärkere Konzentration auf wenige Projekte, lautet ihre Empfehlung.  Die Informationsplattform „Freiwilligenarbeit“ empfiehlt daher, beim Suchen nach dem richtigen Projekt bzw. den richtigen Anbieter u.a. folgende Auswahlkriterien zu Grunde zu legen:

  •    Vor- und Nachbereitung
  •     Grundverständnis - Leitbild & Ziele
  •     Öffentlichkeitsarbeit
  •     Beratung
  •     Programmangebot
  •     Programminhalte/Leistungen
  •     Mindestaufenthaltsdauer
  •     Transparenz
  •     Auswahl der Freiwilligen
  •     Pädagogisches Begleitprogramm
  •     Vorbereitungsseminar
  •     Nachbereitungsseminar
  •     Zertifikat


Auch die Organisation „Next Generation Nepal“ rät: „Ask the volunteer agency lots of questions!“  Wenn man trotzdem zu dem Schluss kommt, die Agentur sei  „more oriented towards profit than social change“, sollte man besser die Finger davon lassen.

Allerdings bleibt die Frage, ob die von Freiwilligen der „weltwärts“-Partner geleistete Arbeit, obwohl längerfristig und effektiver als Voluntourismus-Programme,  tatsächlich auch nachhaltiger ist. Die Schwierigkeit, die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten wirklich messen zu wollen, gilt aber für alle Entwicklungsprogramme. Doch bei aller Kritik am Voluntourismus der westeuropäischen Wohlstandskinder: Ist ein bisschen Unterstützung für ein Projekt nicht besser als gar keine?  Wer keine regelmäßigen Spendeneinnahmen hat, ist vermutlich auch für einen lediglich zweiwöchigen ehrenamtlichen Einsatz eines jungen Freiwilligen dankbar.

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