Glaube wird nicht vererbt, sondern geschenkt

Den Glauben an die eigenen Kinder zu vermitteln, ist das wichtigste Erziehungsziel christlicher Eltern, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Forschungsinstitut empirica, das an der CVJM-Hochschule Kassel angesiedelt ist. Welche Rituale Eltern pflegen, wie überhaupt christliche Erziehung heute aussieht, das erklärt Institutsleiter Tobias Künkler.  

Glaube oder Atheismus: Wofür entscheiden sich unsere Kinder? Foto: Andreas-Hermsdorf_Karl-Heinz-Laube_pixelio.de

Herr Professor Künkler, Sie  haben 1750 Mütter und Väter befragt, die überzeugte Christen sind. Wie prägt der Glaube das Familienleben?

Tobias Künkler: Die von uns befragten Eltern, die alle von sich sagten, dass sie gläubig sind, möchten den Glauben an ihre Kinder vermitteln. Das ist ganz klar das wichtigste Erziehungsziel vor allen anderen Zielen.

Gelingt dies den Eltern?

Tobias Künkler: Darauf können wir mit unserer Studie keine Antwort bekommen. Man weiß aber aus anderen Studien, dass der Glaube ein Konfliktthema ist und Kinder oft gegen den Glauben ihrer Eltern rebellieren. Glaube wird nicht automatisch vererbt. Auf der anderen  Seite ist die familiäre Prägung beim Glauben enorm hoch. Religiöse Einstellungen werden viel stärker vererbt als andere Einstellungen. Welchen Sport beispielsweise die Eltern ausüben, spielt für die Kinder viel weniger eine Rolle wie der Glaube der Eltern.

Wovon hängt die Vermittlung des Glaubens ab?

Tobias Künkler: Das kann keiner sicher sagen. Eltern können den Glauben der Kinder nicht machen oder herstellen, sondern er ist ein Geschenk. Er ist aber auch eine Entscheidung. Glaube besteht im Kern aus einem Beziehungsangebot von Gott an den Menschen. Ob der einzelne das annimmt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Warum der eine glaubt oder nicht, das gehört  zum Geheimnis des Menschen, das noch so viele Forschung nicht enträtseln kann. Das ist die individuelle Freiheit, die jeder hat. Es gibt aber begünstigende Faktoren in Biographien. 

Welche sind das?

Tobias Künkler: Früher war die Erziehung insgesamt strenger als heute. Unsere Befragten haben ihre eigene Erziehung aber als nicht so streng erlebt. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass eine sehr strenge Erziehung ein Risikofaktor ist, weil das Kind Kirche und Glauben als äußeren Zwang erlebt.  Bei einer klassisch- autoritären Erziehung sind die Konflikte in der Kindheit und Jugend meist geringer, dafür gibt es häufiger einen Bruch, wenn die Kinder erwachsen werden. Viele wenden sich dann ab und versuchen das Gegenteil zu leben.

Tobias Künkler sagt: Glaube ist ein Geschenk. Foto: privat

Und was wirkt sich begünstigend in der Glaubensvermittlung aus?

Tobias Künkler: Ganz eindeutig das Vorbild der Eltern, also welchen Glauben Eltern ihren Kindern vorleben. Da geht es gar nicht so konkret darum, was sie machen, also welche Rituale sie pflegen, sondern dass ihre Kinder erleben, dass der Glaube  etwas Wertvolles und Befreiendes ist und nicht etwas Bedrückendes oder Einengendes. 

Fromme Eltern gelten als besonders streng. Ist das immer noch so?

Tobias Künkler: Das war ein Befund, der uns überrascht hat. Der Punkt „Strenge und Kontrolle“ ist mittel ausgeprägt, in christlichen Familien etwas höher als im gesellschaftlichen Durchschnitt.  Insgesamt ist christliche Erziehung heute von hoher emotionaler Nähe gekennzeichnet, von viel Wärme, Liebe und Wertschätzung. 

Welche Rituale pflegen Eltern mit ihren Kindern?

Tobias Künkler: Es gibt eine Reihe von Ritualen. Das wichtigste, vor allem bei jüngeren Kindern, ist das Abendritual mit Beten und dem Lesen in der Kinderbibel. Es gibt aber auch andere Rituale. In einer Familie werden Kinder gesegnet, bevor sie aus dem Haus gehen. Eine andere Familie zündet in der nahe gelegenen Kirche bei Krisen oder Notsituationen eine Kerze an.

Wie wichtig sind Gottesdienstbesuche?

Tobias Künkler: Sie sind erstaunlich wichtig. 87 Prozent der Eltern sagen, dass es ihnen wichtig ist, dass ihr Kind regelmäßig am Gottesdienst teilnimmt. Und 80 Prozent geben auch an, dass ihre Kinder mehrmals im Monat an Gottesdiensten teilnehmen. 

Sie sagen christliche Erziehung erfolgt im Spannungsfeld zwischen Furcht und Freiheit. Wovor haben Eltern Angst?

Tobias Künkler: Es ist aus meiner Sicht sehr positiv, dass es in der Erziehung einen Wandel zu mehr emotionaler Wärme und Nähe gibt. Die klassisch-autoritäre Erziehung, die mit Zwang, Druck und strengen Regeln Kinder zum Glauben zwingen will, gibt es kaum noch. Trotzdem ist den Eltern die Vermittlung des Glaubens nach wie vor sehr wichtig. Daher ist ihre größte Angst, dass die Kinder nicht gläubig werden. Gleichzeitig wollen die Eltern aber auch, dass die Kinder eigenständig handeln und selbst den Glauben annehmen. Die Kinder haben einerseits also eine große Freiheit, andererseits stellen die Eltern ihren Nachwuchs  vor eine alternativlose Entscheidung. Das ist ein Dilemma. Das gibt es natürlich auch bei anderen Erziehungsstilen. Ein anarchistischer Vater wünscht sich auch, dass sein Sohn freiwillig Anarchist wird. Da es beim Glauben aber um existentielle Fragen geht, um Heil und Erlösung, verstärkt sich diese Spannung so, dass sie zum Dilemma wird.

In der Erziehung kommt es auf Wärme und Liebe an. Foto: Simone-Hainz_pixelio.de

Wie lässt sich das lösen?

Tobias Künkler: Das ist eine spannende Frage, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Für mich heißt Glauben vor allem Vertrauen. Ich wünsche Eltern, dass sie Gott so vertrauen, dass sie ihm ihr Kind und seinen Weg, den es gehen wird, anvertrauen. Eltern sollten sich von der Furcht freimachen und stattdessen dem Kind vorleben, welche positive Kraft der Glaube entfalten kann. Sie sollten auch vermitteln, dass es Menschen gibt, die nicht oder anders glauben. Wir haben festgestellt, dass andere Weltanschauungen oder Religionen kaum ein Thema sind. Das ist ein Defizit. Kinder wachsen heute in einer pluralistischen Gesellschaft auf und müssen lernen, sich dort zu bewegen, eigenständig zu handeln und sich einen Standpunkt zu bilden. 

Ist das ein Appell, mehr mit Kindern ins Gespräch und in die Diskussion zu gehen?

Tobias Künkler: Glaube wird heutzutage immer weniger als etwas Selbstverständliches erlebt. Und Eltern können diese  Selbstverständlichkeit auch nicht einfach herstellen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist,  dass Eltern unterschwellig ihre Kinder emotional unter Druck setzen. Diese Gefahr besteht auch in einer Erziehung mit einer größeren emotionalen Wärme.  Deshalb rate ich Eltern, die Furcht loszulassen und positiv für den Glauben zu werben. Vielleicht ist es beispielsweise wichtig, auszuhalten, wenn Kinder nicht mehr in den Gottesdienst mitgehen wollen. Aber gleichzeitig auch nicht zu sagen, „dann mach doch, was du willst, ist mir doch egal.“ Sondern zu kommunizieren, warum einem der gemeinsame Gottesdienstbesuch wichtig ist und nach einer gemeinsamen Lösung zu streben. Dafür gibt es aber leider keine Rezepte und Formeln.







Zur Person:

Dr.  Tobias Künkler (Jahrgang 1979) ist Professor für  Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit an der CVJM-Hochschule Kassel. Außerdem leitet er Studienleiter am Institut für Transformationsstudien (IST) und leidet gemeinsam mit Prof. Dr. Tobias Faix das  Forschungsinstitut empirica für Jugendkultur & Religion. Gemeinsam haben die Ergebnisse der Familienstudie in dem Buch „Zwischen Furcht und Freiheit. Das Dilemma der christlichen Erziehung“ veröffentlicht.

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